|
|
Er ist einer der Altweibersommer dieses Oktober 1990 am späten Nachmittag. Selbst jetzt ist es noch angenehm warm. Wie immer an Wochentagen eilen die Menschen die Rudolstädter Fußgängerzone entlang, ohne aufeinander zu achten.
Es scheint an solchen Tagen, als würden alle Einwohner Rudolstadts den ganzen Tag auf dem Boulevard hin und her laufen. Und eigenartig ist es zu beobachten, wie zu Ladenschluss plötzlich alle verschwinden. Schlagartig fast. Ich habe verschiedenes zu erledigen und schließe mich den Eilenden an. An der Imbissbude, die seit einiger Zeit am Gericht aufgestellt ist, steht ein älterer Herr. Er erzählt der jungen Frau dort die Geschichte eines Gerichtsurteils, das in diesem Hause gefällt worden sein soll. Rudolstädter kennen sie, die Geschichte vom Wort "Brummochse", das kein Schimpfwort ist in Rudolstadt. Ich mache eine Bemerkung dazu. Erstaunen. "Sie kennen die Geschichte?" Das möchte sein als geborener Rudolstädter!
Wir kommen ins Gespräch über das alte Rudolstadt. Der Mann um die 60, der vor über 30 Jahren diese Stadt verließ, und ich, die etwa zu der Zeit gerade in die Stadt kam.
Da ist die Rede vom "Kalten Frosch" und vom Baumgarten, von der "Strumpfsocke" und von der alten Stiftsgasse mit ihren vielen kleinen Geschäften. Manche kenne ich noch aus meiner Kindheit, z.B. konnte man bei dem stets erkälteten Herrn Morgenroth am Schloßaufgang für 50 Pfennig gemischte Bonbons kaufen.
Der Mann erzählt vom Schulplatz. Dort war er zu Hause. Einer kannte den anderen. Wenn sich Nachbarn zwei Tage nicht begegneten, machte man sich Sorgen umeinander. Man kannte sich nicht nur, man half sich auch. Genauso kenne ich das noch aus der Stiftsgasse rund um den Bernhardinenstift als meine Großmutter und "die alten Rudolstädter" noch dort wohnten.
Heute gehe ich nicht mehr diese Straße entlang. Es tut weh, was aus ihr geworden ist in den letzten Jahren. Wie das Haus, in dem ich so oft aus und ein ging, langsam aber sicher zerfällt.
Und dann spricht der Mann von den schlimmen Zeiten, die er erlebte. Von eingeschlagenen Scheiben des Schuhhaus' Haller, des Juden Haller, in der Reichskristallnacht. Von Fliegeralarm und Angst.
Mir fällt die Geschichte der Schwester meiner Großmutter ein, die bei Haller leere Schuhkartons "kaufte". Entgegen der Weisung: Kauft nicht bei Juden! Oder die Weisung des Blockwarts als meine Großmutter Kriegsgefangenen Brot zusteckte. Für den Mann werden Erinnerungen lebendig und für mich die vielen Erinnerungen "von früher", die meine Großmutter erzählte. Sie sind die Brücke zwischen mir und dem Mann um die 60. Diese Geschichten von Hunger und Erwerbslosigkeit, Angst und Krieg aber auch die unzähligen Rudolstädter Schnärzchen und die Episoden um die Originale, die hier lebten.
Ehe ich zurückkehre in den Strom der Eilenden, verabschieden wir uns wie gute Bekannte. Der Mann, der in all der Hektik jemanden fand, mit dem er über Rudolstadt reden konnte, drückt mir die Hand und wünscht mir alles Gute.
Später, es ist schon dunkel geworden und der Menschenstrom ist bereits versiegt, treffe ich eine alte Frau. Beinahe wäre sie unter ein Auto geraten, weil sie nach dem Fenster einer Bekannten ausschaute. 88 ist sie schon, verrät sie mir, und ganz allein. "Ich bin nur mal kurz um's Karree gegangen, weil ich dachte, ich treffe jemanden, den ich kenne. Aber es sind ja fast alle tot." Wir reden eine Weile miteinander. Sie kennt meine Großeltern von früher. Freundlich ist sie und wohl auch ein bisschen froh. Ich bin zwar keiner, den sie kennt, aber sie konnte mit jemandem reden. Auch von früher, von "ihrer Zeit".
Mir wird an diesem Abend im Oktober 1990 bewusst, wie wichtig es ist, miteinander zu reden. Und wie schade es ist, dass viele der Geschichten für immer verschwinden werden. Schon können wir die ganz "Alten" nicht mehr fragen, bleibt nur noch, was wir in unserer Erinnerung haben. Das wenigstens sollten wir festhalten, weitererzählen. Sind diese Geschichten doch eine Brücke zwischen Menschen unterschiedlichen Alters.
Schade eigentlich, dass ich den Mann um die 60, den ehemaligen Rudolstädter, der eigentlich immer einer geblieben ist, nicht nach seinem Namen gefragt habe.
Gabriele Pohland
|
|