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- Modellregion Rudolstadt - warum eigentlich nicht? Was spricht für eine Modellregion nach dem Vorbild eines, von Wissenschaftlern dringend geforderten, Versuchsmodells zur Bewältigung des demographischen Wandels? - Schillerstadt Rudolstadt?
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Im Herbst 06 beschloss die Stadt Rudolstadt eine prinzipielle Neuausrichtung als „Schillers heimliche Geliebte – Rudolstadt“. Ziel ist es, durch eine Vereinheitlichung werbewirksamer zu agieren und den Ort im Sinne des Marketings zu einer einprägsamen „Marke“ zu formen. Dabei denkt man vordergründig an den Tourismus. Doch bietet diese Neuausrichtung die Chance eines wirtschaftlichen Neuanfangs. Schiller ist Synonym für einen kämpferischen, unabhängigen Freigeist. Als Galionsfigur des Umbruches ist er bestens geeignet, Rudolstadt gleich ganz zur Modellregion im Sinne des wissenschaftlichen Gutachtens zu erklären. Das hieße, sich als Vorreiter für zwangsläufige Reformen zu etablieren und brächte mit Sicherheit bundesweites Aufsehen, weil es bundesweit einmalig wäre. Der Ansatz lautet also wie folgt: Nicht mit Schillerstadt behängen, sondern Schillerstadt sein. Auf seinen Spuren zu wandeln, hieße Grenzen brechen, also Struktur- und Systemveränderungen vornehmen und Freiheit, also Autonomie erlangen. Die Chance für einen Neuanfang ist denkbar günstig, um nicht zu sagen ideal, und dürfte so schnell nicht wiederkehren. Das kulturtouristische Konzept Schillerstadt allein wird realistisch betrachtet, selbst unter der Annahme des größten Erfolges, keine Wende der Abwärtsspirale bewirken. Und hier geht es nicht darum, etwas schlecht zu reden. Es verschafft der Stadt und der Region nicht die nötige Handlungsfreiheit, neue und vor allem wirksame Strategien zu entwickeln, die nötig sind, den demographischen Wandel zu bewältigen. Die Zeit drängt, denn nicht der Bevölkerungsrückgang ist das Hauptproblem der Zukunft, sondern die stetige Vergreisung. Mit ihr verschwinden vorrangig Kultur- und Bildungseinrichtungen (Stichwort Theater- oder Schulschließungen), die Krankenhäuser und Altenheime hinsichtlich der Nachhaltigkeit nicht aufwiegen können. Je mehr schwindet aber auch die Chance für ein kulturtouristisches Projekt Schillerstadt. Es bleibt womöglich eine „heimliche Geliebte Schillers“. Die Entwicklung der letzten Jahre hat eindrücklich gezeigt: Je mehr eine Region oder Stadt altert, je handlungsunfähiger wird sie. Daher muss zukünftiges Handeln von der Nachhaltigkeit abhängig gemacht werden. Mit kurzfristiger Handlungsweise – auch das hat die Vergangenheit eindrücklich gezeigt, und die Hypotheken trägt die Stadt schon heute – werden keine nachhaltigen Lösungen geschaffen. Modellregion? Ziel eines solchen Vorhabens ist es, das Zusammenspiel verschiedener Ideen, Strategien, Methoden zu testen und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Bisher kamen sie, wenn überhaupt, nur vereinzelt zur Anwendung und ließen grundsätzliche Struktur- und Systemveränderungen nicht zu. Genau darauf zielt aber eine Modellregion ab, grundlegende Veränderungen z.B. der Finanzautonomie, Pflegesystems, Verwaltung oder des Arbeitsmarktes in der Praxis zu erproben. Über die zwingende Notwendigkeit grundlegender Systemveränderungen sind sich Wissenschaftler und Fachleute, aber auch Politiker einig. Die vorherrschende Politik ist von einer Wachstumspolitik geprägt, die in Schrumpfungsgebieten wie Rudolstadt kontraproduktiv wirkt. Ein prinzipielles Umsteuern ist unumgänglich, will man aus der Abstiegsfalle herauskommen. Was fehlt sind praktische Erfahrungen, die über die systembedingten Begrenzungen und Abhängigkeitsverhältnisse hinausgehen. Ausgangssituation: Wie vielerorts zeichnet sich auch in Rudolstadt eine prekäre Entwicklung der Schrumpfung mit den üblichen Folgen in allen Bereichen ab. Geburtenknick, Abwanderung, Frauenmangel, Vergreisung ziehen einen wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang nach sich. Schulschließungen zeugen von massiver Bildungserosion. Selbst auf dem touristischen Sektor scheint der Rückgang trotz bester Voraussetzungen unausweichlich. Nachdem der einstige wirtschaftliche Standort mit dem CFK an der Spitze nur noch rudimentär existiert, droht bald auch der Wegfall als Kulturstandort. Sinkt die Bevölkerungszahl unter die magische Grenze von 20 000, ist das historisch gewachsene Theater zumindest in der jetzigen Form mit Orchester und eigenem Schauspielensemble kaum noch zu halten. Das würde einen existenziellen Einschnitt mit Folgen auf alle städtischen bereiche nach sich ziehen, zumal sich Rudolstadt in Zukunft als Kulturstandort Schillerstadt profilieren will. Ein erheblicher Qualitäts- und somit Attraktivitätsverlust der Stadt wären die Folge. Weiterer Niveauverlust und beschleunigte Bildungserosion sind zu erwarten, die wiederum zusätzliche Abwanderung nach sich ziehen. Der übliche „Teufelskreis“, dem man schon mit Theater nichts Wirksames entgegenzusetzen hat. Der Schulstandort Rudolstadt ist in gleicher Weise bedroht und unterliegt bereits einer jahrelangen Ausdünnung durch stark schrumpfende Schülerzahlen. Trotz teilweisen Rückbaus des Leerstandes von Industrie- und Wohnbrachen erhöhen sich die Kosten der Infrastruktur rapide. Teilweise wurde mit zusätzlicher Ausdehnung durch Gewerbe- und Baugebiete bei gleichzeitigem Bevölkerungsrückgang dieser Entwicklung Vorschub geleistet. Nicht nur Klärwerk, Stromversorgung, Abwasser usw. sondern auch öffentlicher Nahverkehr werden zunehmend unrentabel. Hinzu kommen Fehlentwicklungen einer unrealistischen Wachstumspolitik der Vergangenheit wie z.B. Klärwerk, Saalemaxx oder Schillerschule, die mit roten Zahlen die Stadtkasse erheblich belasten, Tendenz steigend. Erforderliche Maßnahmen: Dazu heißt es im Gutachten des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (im Auftrag der Landesregierung Brandenburg) einleitend und mahnend: Es ist essentiell, dass Politiker die demografische Wahrheit kommunizieren. Jede Beschwörungsformel, jeder übertriebene Optimismus werden von Bürgern und Medien erfahrungsgemäß rasch entlarvt und führen zu verstärkter Skepsis. Wo einerseits eine Schule geschlossen wird, anderseits aber von der hohen Industriedichte geschwärmt wird, ist die Kommunikation gescheitert. Diese Entwicklung wird dazu führen, dass sich der immer noch herrschende Optimismus von gleichwertigen Lebensverhältnissen als Fehleinschätzung erweisen wird. Das muss aber kein Anlass für Pessimismus sein: Denn gleichzeitig steigen die Chancen, in Brandenburg eine grundlegende Wende einzuleiten. Zunächst sollte das ganze Ausmaß der Entwicklung den Menschen und den Multiplikatoren in der Öffentlichkeit in einer hochwertigen Broschüre dargestellt werden – in einer Broschüre, die nicht Erreichtes feiert, sondern die Herausforderungen, aber auch die Chancen neutral darstellt und vor allem konkrete Anregungen zum Handeln der Bürgerinnen und Bürger setzt. Die empfohlene Kommunikationsstrategie stützt sich auf die Ausschreibung von Zukunftswettbewerben und auf die schnellstmögliche Einrichtung von Modellregionen. Es geht bei diesen Maßnahmen vor allem um die Motivation zum Handeln: Darum, zu zeigen, dass die Dinge in Bewegung kommen. |